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    «Der Volksfeind» bewegt  
    Die Andwiler «thearteria» feierte Premiere in vollem Haus

andwil. «Theater soll bewegen, nicht unterhalten.» Dies sagt Regisseur Mirco Vogelsang, der mit der thearteria Ibsens«Volksfeind» einstudiert hat. Am Freitag war Premiere. Das Theater bewegte - und über kurze Strecken unterhielt es auch.

marianne bargagna

Der Applaus war lang, die Kritiken waren positiv - die Andwiler thearteria-Leute haben die Premiere überstanden - trotz Lampenfieber, trotz Nervosität. Im gefüllten Saal erzählten sie die Geschichte des Badearztes Thomas Stockmann (Michael Benz), eines etwas praxisfremden Idealisten, der im Verlaufe des Geschehens vom vermeintlichen Volksfreund zum Volksfeind wird. Sein Gegenspieler ist sein Bruder, Peter Stockmann (Marcel Sieber), Realpolitiker bis in die Knochen.

Überzeugendes Spiel
Das Schauspiel lebt vom Dialog, von der Mimik, der Gestik, weniger von der Aktion. Die Zuschauenden müssen sich auf die Geschichte einlassen, müssen genau hinhören. Und dabei hat man irgendwie das Gefühl, die überzeugend dargestellten Figuren von irgendwoher zu kennen: den stets korrekten, beinahe gefühlskalt wirkenden Stadtrat, den idealistischen, etwas weltfremd wirkenden Badearzt, seine Frau (Itta Loher), die trotz hin und wieder durchscheinender Skepsis loyal zu ihm hält bis zum bitteren Ende, den Redaktor (Raimund Helfenberger), der den Revoluzzer mimt, sich schliesslich aber doch obrigkeitsgehörig entpuppt, seinen lispelnden Redaktionsgehilfen (Nicole Delaval), den Möchte-gern-Rebellen.

Die Welt dreht sich weiter
Letzterer und der etwas spastisch agierende Buchdrucker Aslaksen (Beat Thürlemann) erheitern das Publikum für kurze Momente, bringen es zum Lachen. Auch Frau Stockmanns Pflegevater, Morten Kiil (Urs Tobler), wenn er mit einer Rolle WC-Papier, Sinnbild für die sinkenden Aktien des Kurbetriebes, auf die Bühne tritt und versucht, den Arzt Stockmann davon abzubringen, die Bevölkerung über das verseuchte Wasser aufzuklären. Beeindruckend ist, wie sich im Laufe des Abends der Badearzt Stockmann verändert, vom enthusiastischen Verfechter der Wahrheit bis zum von der Gesellschaft Ausgestossenen. Ihm und seiner Familie wird die Wohnung gekündigt, seiner Tochter, dargestellt von Chantal Zollet, die Arbeit. Und auch sein letzter Freund, der Kapitän Horster, gemütlich-brummig dargestellt von Andreas Bon, verliert die Arbeit. - Agiert wird auf einer drehbaren Bühne (für das Bühnenbild zeichnet Eva Haberlandt verantwortlich). Spartanisch eingerichtet des Badearztes Wohnzimmer: eine biedere, braune Polstergruppe und eine Grünpflanze. Dann die Redaktionsstube: Postkarten aus aller Welt symbolisieren die vermeintliche Offenheit und Toleranz, ein Plakat mit dem Konterfei von Che Guevara als Ausdruck des Rebellentums.

Lohnendes Wagnis
Berührend das Schlussbild: Thomas Stockmann, allein, auf einem Bett gefesselt, stellt fest: «Der stärkste Mann steht allein auf dieser Welt» - einer Welt, die sich immer weiter dreht. - Die thearteria-Leute haben sich an ein Stück gewagt, das nicht pure Unterhaltung bietet, an ein Stück, das, wie sagt doch Regisseur Vogelsang «bewegt». An der Premiere wurde es offensichtlich: Das Wagnis hat sich gelohnt - und ein Besuch beim «Volksfeind» lohnt sich.

Aufführungen: Mi, 26. Nov., 19.30; Fr, 28. Nov., 20.00; Sa, 29. Nov., 20.00 (Bankettbestuhlung); So, 30. Nov., 16.30 (Bankettbestuhlung); Fr, 5. Dez., 20.00. Vorverkauf: Mo und Di, von 19.00 bis 21.00 und an den Aufführungstagen von 14.00 bis 16.00 unter Telefon 071 393 91 62 oder unter www.thearteria.ch

 

Stichwort
Immer noch aktuell
«Der Volksfeind» von Henrik Ibsen wurde 1883 uraufgeführt. Es ist die Geschichte des Kurarztes Thomas Stockmann, der verseuchtes Wasser entdeckt. In seinem Kampf gegen all jene, die aus dem Kurbetrieb finanziellen Gewinn ziehen, muss er auch erkennen, dass nicht nur der Grund und Boden seiner Gemeinde, sondern auch das Gewissen ihrer Repräsentanten verpestet ist.


 
   

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