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Da
war sie plötzlich wieder, meine Videoclip-Schädigung, an der man
dank MTV und Teenagern im Haushalt heute fast nicht vorbei kommt. Zu ruhig
schien es mir zu Beginn, ich war noch auf die schnellen Schnitte eingestellt.
Ein rasantes, wunderschönes Schattenspiel mit Strassenszenen im Regen,
ganz am Anfang des Stückes, deutete vorerst noch in diese Richtung.
Dann wurden die Szenen erzählerischer, was ich eigentlich sehr geniesse.
Also tief durchatmen, cool down, zurücklehnen und geniessen. Und ein
Genuss, um nicht zu sagen ein Leckerbissen war das, was der eben erst gegründete
Theaterverein Thearteria, da servierte. Allein schon das Bühnenbild
würde manchem Amateurtheatermenschen die Tränen in die Augen treiben.
Als Grundlage ein schwarzes Kabinett, auf beiden Seiten drei bühnenhohe,
beleuchtete Elemente, die zur Definition der verschiedenen Spielorte einzeln
auf der Bühne vor und zurück geschoben werden konnten. Wenige
Möbelstücke und roll- oder drehbare Elemente waren im Einsatz
um möglichst schnelle Umbauten bei offenem Vorhang zu ermöglichen
und die jeweiligen Spielorte treffend zu charakterisieren. Von gegen sechzig
Scheinwerfern war die Rede, einen Grossteil davon habe ich selber gesehen,
die eingesetzt wurden um ein mehrheitlich gutes, abwechslungsreiches Licht
zu erzeugen. Die Zwischenmusik war passend und unterstützte auch die
Handlung. Der eigentliche Clou des Abends war aber das Grundkonzept: Man
hatte das Gefühl in einem alten Schwarz/weiss-Film zu sitzen. Sämtlich
Kostüme waren in beige, grau, weiss und schwarz gehalten und im übrigen
wunderschön. Die Schauspielerinnen und Schauspieler war grau geschminkt,
man könnte sagen von Kopf bis Fuss, überall wo ein Stückchen
Haut unter den Kleidern hervorlugte und trugen ihre Haare schwarz oder in
Grautönen. Einzig Eliza war farbig kostümiert und normal geschminkt.
Im Laufe des Stücks wurde Sie, durch den Einfluss von Professor Higgins,
ebenfalls grau um am Schluss des Stücks ihre eigene Persönlichkeit
wieder aus der Versenkung zu holen, was dann wieder zum farbigen Kostüm
führte. Die Interpretation des Stückes wurde so optisch wirklich
toll unterstützt. Auch spielerisch blieben keine Wünsche offen
die Massenszenen waren lebendig und gekonnt choreografiert. Ein starkes
Trio agierte in den Hauptrollen: Ein arroganter, leicht schnodderiger Higgins
wurde überzeugend gegeben; im stand Oberst Pickering in nichts nach
und liess durch sein militärisches/zackiges Benehmen grosse Liebenswürdigkeit
durchschimmern und Eliza zeigte den Wandel ihrer Figur stark. Gut über
die Rampe kam auch die Mutter Higgins und die verarmten Adelsfrauen. Kleines
Kabinettstücklein zeigten auch der schwule Zeremonienmeister, die Dienstmagd
und Eliza's Vater. Auch alle übrigen Darsteller und Darstellerinnen
trugen das ihre zur runden, überzeugenden Ensembleleistung bei. Man
sah, dass da mit ausserordentlichem Einsatz gearbeitet wurde, betrug doch
die Probezeit nur zwei Monate. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes.
Es ist mir bewusst, dass ein Grossteil der Amateurgruppen weder über
die Finanzen noch über das Personal für einen solchen Effort verfügen.
Kommt dann aber mal alles zusammen: Eine initiative Berufsregie mit guten
Beziehungen zu professionellen Licht- und Tonmenschen, eine Gruppe die bereit
ist für einen ausserordentlichen Einsatz und ein finanzielles Wagnis,
gesegnet mit talentierten, motivierten Spielerinnen und Spieler, dann ist,
wie in Andwil gesehen, eine überdurchschnittliche, gelungene und überzeugende
Inszenierung nicht mehr abzuwenden.
Gerhard Lengen
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