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    «Pygmalion» im «phonetischen» Bild
 
   
(Foto: Ralph A. Ottinger)


Erste Premiere des Vereins Thearteria im Mehrzwecksaal Ebnet in Andwil - Professionalität pur

Was zu beweisen war: Man kann ein gutes altes Theaterstück mit überzeugenden Ideen modern inszenieren, ohne es gleichzeitig zu ruinieren. Das professionelle Theater St. Gallen dürfte sich an den Andwilern ein Beispiel nehmen.


RALPH A. OTTINGER

ANDWIL. Regisseur Marco Vogelsang, Bühnenbildnerin Eva Haberlandt und Kostümbildnerin Erna Büchel haben für Georg Bernard Shaws Komödie «Pygmalion» ein verblüffendes Konzept gefunden und dieses mit dem Verein Thearteria Andwil auf erstaunliche Weise professionell umgesetzt!


Eine Lektion Phonetik

Die Phonetik ist, kurz definiert, die Lehre von der Lautbildung und der Aussprache. Und Henry Higgins in «Pygmalion» ist ein Professor für Phonetik. Mit seinem Freund Oberst Pickering geht er die Wette ein, dass er es schafft, mit seinem Wissen aus dem ungewaschenen und ordinär kreischenden Blumenmädchen Eliza Doolittle in wenigen Monaten eine «Herzogin» zu machen, der niemand mehr die niedere Herkunft anmerken kann. Er gewinnt diese Wette - aber er verliert dafür einen Menschen. Im «Duden» steht: «Aussprache bezeichnungen stehen in eckigen Klammern . . .» Und diese Klammern dominieren in überdimensionaler Grösse das Bühnenbild, zusammen natürlich mit den ungezählten phonetischen Zeichen der Lautschrift, die in Higgins Haus gewissermassen «den Ton angeben». Und zudem erscheint die «farblose» bessere Gesellschaft ausschliesslich in Schwarz-Grau-Weiss. Nur die (anfänglich) schrille Eliza setzt darin mit ihren bunten Blumen den farbigen Akzent. Auch ihr Vater Alfred Doolittle ist so ein «Exot», allerdings nur, bis er dann - wie seine Tochter auch - nach der gesellschaftlichen Veränderung genauso farblos wird wie alle anderen. Doch Obacht: Eliza emanzipiert sich nach ihrer «Dressur» und nimmt damit prompt auch wieder Farbe an. Es ist sonst nicht üblich, bei der Besprechung einer Premiere der Technik so viel Raum zu geben, aber hier war nun eben die Überraschung perfekt. Kam dazu, dass die Regie mit Beleuchtungseffekten, Schattenprojektionen und Musikübergängen arbeitete, was der Inszenierung noch zusätzlich professionellen Charakter verlieh. So was dürfte man in einem Amateurtheater kaum erlebt haben.


Liebevoll angenommen

Doch Mirco Vogelsang hat sich auch liebevoll der Personen angenommen, die hier agieren. Da ist vor allem Sibille Helfenberger als Eliza, welche die Wandlung von der grässlichen Göre zur entzückenden «Grande Dame» mit Bravour hinkriegt. Auch die leisen Töne der Enttäuschung, wenn sich Higgins nur widerstrebend dazu bequemt, in seinem «Forschungsobjekt» auch einen Menschen zu sehen, sind ergreifend. Marcel Sieber als Higgins ist ein Rüpel, überheblich, gefühllos, - und trotzdem versteht er es auf merkwürdige Weise, Sympathien zu erwecken. Man bedauert ihn sogar, wenn er anfängt, sich menschliche Regungen abzuquälen. Auch die übrigen Figuren sind charmant gezeichnet: Michael Benz als Oberst Pickering ist ganz Kavalier, Nicole Lamine gibt eine liebenswerte, resolute Mama Higgins, und Beat Thürlemann als Papa Doolittle zieht alle komischen Register, ohne seine Würde zu verlieren. Als Damen und Herren der Gesellschaft überzeugen Maria Züger, Gabriela Schärer und Raimund Helfenberger, aber auch die übrigen Mitwirkenden fügen sich nahtlos ins Regiekonzept ein: Peter Egli, Daniela Rietmann, Urs Tobler, Andreas Bon, Pia Ammann, Christine Egli, Itta Loher und Hilda Mathis Bischofberger. Das Premierenpublikum klatschte nicht nur begeistert, sondern bot dem Ensemble so- gar, absolut berechtigt, Standing Ovations. Eine Andwilerin stellte erstaunt fest: «Es hat sehr viele Auswärtige unter den Zuschauern!» Natürlich, denn leider ist es doch heute so: Wenn jemand ein wirklich gutes Schauspiel sehen will, das genau seiner Aussage entsprechend und erst noch originell inszeniert wurde, dann geht er am besten in die Provinz - nach Andwil! Theaterfreunde sollten sich das Ereignis nicht entgehen lassen.

 


 
   

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